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Entwurf einer Systematik der Onlinepublizistik
von Dr. Andreas Vogel
Der hier vorgelegte Text entsteht work-in-progress und wird Ihnen entsprechend zur Verfügung gestellt. Er ist ein lautes Nachdenken, dass in einen ersten Versuch münden soll, das neue Feld Electronic Publishing zu ordnen und für die Beschreibung von Märkten handhabbar zu machen. Zukünftig werden Passagen hinzugefügt, verworfen oder geändert. Sie sind eingeladen, mitzudenken: Bitte beteiligen Sie sich, schicken Sie mir Ihre Anregungen.
Der vom Autor präferierte Medienbegriff ist in der Tradition der Publizistikwisenschaft eng gefasst: Medien konstituieren sich durch einen institutionalisierten Workflow aus Produktion und Distribution. Medien bedürfen technischer Produktionsmittel. Medien definieren sich über ihr wiederholtes Rezipiert-werden.
Der Nutzungsvorgang von Medien umfasst Selektion und Rezeption, eventuell ergänzt um ein Feedback in Form (schrift-)sprachlichen Handelns (Leserbrief, Hörertelefon, ...).
Der Nutzungsvorgang des Internets kann ebenfalls auf Selektion und Rezeption begrenzt sein, muss es aber nicht. Vielmehr können anstatt oder neben der Rezeption verschiedenste Handlungen ausgeführt werden: Bestellungen (von Prospekten), Beschaffungen (Downloads),Kaufvorgänge (Wareneinkauf, Buchungen, Telebanking), Spiele, etc. Daher ist das Internet insgesamt kein Medium, denn der Nutzer ist hier häufig Handlungsträger - wie auch sonst im außermedialen Leben.
Ganz zweifellos besteht das Internet jedoch in erheblichem Umfang aus "Content" und es wird intensiv zum Rezipieren unterschiedlichster Texte, Nachrichten und Botschaften genutzt. Insofern enthält es Elemente, die eine Medienstruktur konstituieren.
Doch welches sind die publizistischen Elemente des Internets und wie lassen sie sich vom Rest abgrenzen und einordnen? Dies ist die zentrale Fragestellung, die es zu beantworten gilt. Kein Lösungsweg ist es hierbei, einfach die in den klassischen Medien etablierten Marken als Online-Medien gelten zu lassen und dann auch noch die Begrifflichkeiten zu übertragen: So wird aus focus.de eine Online-Zeitschrift, aus süddeutsche.de eine Online-Zeitung, etc. Diesen Weg lehnt der Autor entschieden ab, es ist doppelt falsch, von "Online-Zeitungen" oder "Online-Zeitschriften" zu sprechen. Erstens sind "Zeitung" und "Zeitung" fest etablierte Ausstattungsmerkmale des Mediums "Presse" und damit bezeichnen sie unaufhebbar die papierene Gegenständlichkeit von Presseprodukten. Zweitens wird durch einen Besuch auf den beispielhaft angeführten Webadressen sehr schnell klar, das focus.de auch breit tagesaktuell berichtet und süddeutsche.de viele spezifische Magazin-Beiträge aufweist. Schließlich ist gerade bei focus.de genereller zu fragen, ob hier inzwischen der publizistische Content überhaupt noch das Angebot dominiert. Denn focus.de ist zu einem Portal geworden. Portale zeichnen sich durch eine Fülle von Handlungsmöglichkeiten für ihre Nutzer aus, bei denen die Rezeption publizistischer Inhalte nur eine Option unter vielen ist. Portale sind: Wegweiser (Linklisten), Shops, Entertainment-Center (Spiele, Chat), Service-Center (Suchmaschinen, Datenbanken, Archive), etc.
Eine Begriffsbildung für elektronische Produkte muss eindeutig und trennscharf geschehen sowie durch Systematisierungen der vorfindbaren Angebote. Daher muss die Verwendung von in anderen Medien bereits etablierten Begriffen möglichst unterbleiben.
Dasjenige Gesamtsubstrat des Internets, dessen Angebote eine Internet-spezifische Medien-Hauptgattung konstituieren, soll künftig als Onlinepublizistik bezeichnet werden. Dieser Terminus tritt nun gleichgrangig neben die klassischen Medien-Gattungsbezeichnungen wie Presse, Rundfunk oder Film.
Onlinepublizistik findet auf verschiedene Weise statt, insbesondere aber
- auf publizistischen Websites,
- durch den Versand von Email-Newslettern.
Die publizistischen Websites beginnen nicht notwendig bei einer eigenständigen Web-Adresse und haben nicht notwendig eine eigene Hompage. Sie können auch Teil eines Webauftritts, indem sie dort Unterpfade bilden.
Publizistische Websites können entsprechend ihrer Funktion ähnlich wie alle anderen Medien bestimmt werden. Zu unterscheiden sind:
- Tagessites mit gleichsam chronologischem Überblicken über das weltpolitische, überregionale bzw. regionale Geschehen
- Fachsites als spezifische Angebote oder Portale für Branchen oder Berufsgruppen
- Populärsites als Angebote oder Portale für Personen, die Unterhaltung oder Orientierung in allgemeinen oder sehr spezifischen Themenfeldern jenseits beruflicher Anwendungen suchen
"Electronic Publishing" (Elektronisches Publizieren) ist der Oberbegriff für sämtliche verlegerische Aktivitäten, die darauf gerichtet sind, geistige, zumeist textorientierte Schöpfungen elektronisch zu produzieren und zu verbreiten.
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